Steck mich da nicht rein

„Das ist doch ein Mädchen“, behauptete der Bekannte meiner Eltern und missachtete mit einem lauten Lacher den Protest meines fünfjährigen Ich’s: „Nein, ich bin ein Junge“. Mädchen sind blöd und zickig, das wollte ich nicht sein.

„Du bist doch schwul“, rief mir der Typ nach und mein jugendliches Ich ließ ihn stehen, und gleichzeitig kämpfte es mit den eigenen Gedanken. Niemals wollte ich mich dabei erwischen, wie ich Gefallen an anderen Männern fand. Jede jugendliche Fantasie wurde sofort blockiert, wenn ein Mann darin auftauchte. Schwule sind schwach und eklig, das wollte ich nicht sein.

„Das ist doch schwul“, sagte mein erwachsenes Ich, als mich Tim fragte, ob wir zum Weintrinken in die Stadt gehen wollten. Ich entschuldigte mich sofort bei ihm und blickte in sein grinsendes Gesicht. Er konnte sich über meinen Fauxpas amüsieren, sein Partner hingegen sprach danach kein Wort zu mir. Arschlöcher reden unreflektiert und dumm daher, das wollte ich nie tun und hatte mich doch dabei erwischt.

Wer Andere über ein Merkmal definiert, definiert gleichzeitig auch sich selbst. Ich wollte und möchte mehr sein, als eine Flasche, eingehüllt in einen Pappkarton mit einer Produktbeschreibung. Es ist nicht schlimm, dass ich mich nicht kategorisieren lassen wollte. Es ist traurig, dass ich dies tat, weil ich die Kategorien so einseitig negativ beladen hatte.

Ein Mann ist stark, er kämpft und schlägt sich und er zeigt keine Schwäche. Eine Frau ist schön. Sie ist zugleich zerbrechlich und braucht Schutz vor anderen Männern. Ein Schwuler ist weich und ängstlich und wie er ist, ist verachtenswert. So sah ich die Welt und ich muss mich immer wieder fragen, ob ich nicht dabei bin, sie wieder so zu sehen. Und ich kämpfe tatsächlich. Ich kämpfe gegen diesen blinden Vollidioten in mir, der genau weiß, dass all diese Vorurteile eine Konstruktion sind, die wir zur Realität machen.

Ich verstand, dass Frauen stärker sind als ich. Zuerst als mich ein Mädchen über sich selbst wuchtete und mich zu Boden warf. Dann wieder, als eine Frau voller Elan den Tag bestritt, obgleich heftige Unterleibsschmerzen sie quälten. Sie sind meine Vorbilder.

Ich verstand, dass Schwule stärker sind als ich. Zuerst als mich Tim lachend ob meiner Aussage anblickte. Dann wieder, als sich ein Freund öffentlich zu seinen Tränen bekannte und sie nicht unterdrückte. Sie sind meine Vorbilder.

Und doch bleibe ich: Dieser Mann, der keine Schwäche zeigt. Dieser Mann, der so geraten ist, wie er als Mann zu sein hat. Dieser starke Mann, der auf der einen Seite einer Münze geprägt wurde, auf deren anderer Seite die schwache Frau prangt. Ich kenne mittlerweile zu viele Geschichten von diesen „starken“ Männern, die sich mit aller Gewalt Frauen und Kinder nahmen und die all ihre Macht nutzten, um manche Menschen als minderwertig herabzustufen.

Es ist ganz einfach: Die Attribute, die mich zu einem Mann machen, lassen Väter um ihre Töchter bangen.

Ben Froehlich

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