Die enge Krawatte

„Ich muss Sie bitten, kurz mit mir mitzukommen, wir müssen eine gesonderte Kontrolle durchführen.“

Es gibt viele Menschen, die hassen ihren Job. Ich aber habe für mich festgestellt, dass Hass nicht bleibender Natur ist. Eigentlich federleicht, der Hass, so schnell verflogen wie er gekommen ist. Bei mir überließ der Hass etwas anderem seinen Platz. Denn wäre er nicht vergänglich, so würde ich noch immer mit Hass erfüllt sein, ich würde stets schnauben, statt zu atmen und meine Haare wären schon längst ausgefallen. Es ist etwas anderes. Ja, die rechte und die linke Seite meiner Stirn glänzen inzwischen im hellen Licht, doch aber wegen etwas anderem.

„Ich muss Sie bitten, kurz mit mir mitzukommen, wir müssen eine gesonderte Kontrolle durchführen.“

Es ist das Hemd, die Krawatte die zu eng sitzt. Eng, eng, viel zu eng. Eigentlich sehe ich es mehr als ich es spüre, denn ich sehe es auf dem Bildschirm, der über mir hängt. Er zeigt mir, was gerade passiert. In den ersten Wochen, als ich angefangen habe hier zu arbeiten, habe ich die Passagiere beobachtet, wie sie hin und her hetzten, ein Strom der Eile, der schnellen Schritte, der unverständlichen Durchsagen in den großen Hallen und des Abschieds. Es ist kein Hass mehr, ich finde es bloß absurd, dass ich mich an Abschied gewöhnt habe. Es war das einzige Gefühl in mir, aufgenommen durch meine leblosen Augen, es war ein sehr starkes Gefühl. Ich sehe das nämlich jeden Tag einhundert Mal von meinem Posten aus, die Leute nehmen Abschied. „Ich muss Sie bitten, kurz mit mir mitzukommen, wir müssen eine gesonderte Kontrolle durchführen.“ Aber dieses weiße Hemd mit der viel zu engen Krawatte, sie sitzt abscheulich eng, hat etwas Eigenartiges an sich. Es verschluckt alles. Die Hektik, die Angst der Menschen, die durch unsere Sicherheitskontrolle müssen, die Einsamkeit, die sich nach Abschied in einem herniedersetzt und hängen bleibt wie Kaffee in den Zähnen. Ich hätte gesagt, selbst mich verschluckt dieses Hemd, wenn ich mich nicht ständig auf dem Bildschirm sehen würde. Scheußlich eng.

Inzwischen ist der Abschied nichts weiter als das Einsteigen eines Herrn oder Frau Passagiers soundso in das Flugzeug soundso mit der Flugnummer soundso. Einer von Millionen und was bleibt ist nichts weiter als der Deut, ein Hauch von Trauer in den Gesichtern der Zurückbleibenden, bevor Sie sich in Zahlen der Statistik verwandeln, wie viele Besucher es hier pro Woche, pro Quartal, pro Jahr gibt.

„Ich muss Sie bitten, kurz mit mir mitzukommen, wir müssen eine gesonderte Kontrolle durchführen.“

Diesmal Saudi Arabian Airlines, Flugnummer 20567 nach Lahore, Pakistan.

Please don’t leave your baggage unattended.

Diese Durchsage kommt seit ein paar Tagen zehnmal in der Stunde, nicht mehr nur fünfmal.

Neben mir piept es plötzlich ganz laut und die Leuchte auf dem Detektor blinkt rot auf. Eine junge Frau schaut mit gerunzelter Stirn um sich, sie schaut mir auf meinen Kragen. Ich weiß was sie denkt. Meine Krawatte ist genau so absurd rot, alarmierend rot, wie das Licht, das gerade blinkt. Um mich zu vergewissern, schaue ich auf den Bildschirm über mir, und bin beruhigt, dass alles beim Alten ist, als ich die viel zu enge Krawatte erblicke. „Sie müssen Ihren Gürtel mit in die Kisten geben“, sagt eine Kollegin und ich wende mich ab.

Ich sehe den Schichtwechsel im Café gegenüber, das heißt es ist 12.20 Uhr. Der junge Mann in der grünen Schürze lächelt seiner Kollegin kurz zu und überlässt ihr seinen Platz an der Kasse. In der gewohnten, leicht überschwänglichen Hast nimmt er seine grüne Mütze in die Hände und verschwindet nach hinten. Das heißt es sind noch zehn Minuten bis zur Pause.

In meiner Reihe geht gerade der elfte Passagier durch. Noch vor ein paar Wochen, so war die Verordnung, nur nach zwanzig Passagieren. Als ich drei Tage frei hatte, wegen der Beerdigung meiner Mutter, gab es ein paar Anschläge. Ich finde das schwer zu glauben. Wenn es diese drastischen Änderungen nicht gäbe, würde ich es auch nicht. Jetzt muss ich nach fünfzehn Passagieren die Menschen in unser Sicherheitszimmer bitten, für die gesonderte Kontrolle. Gestern habe ich von diesem Anschlag geträumt.

„Ich muss Sie bitten, kurz mit mir mitzukommen, wir müssen eine gesonderte Kontrolle durchführen.“

Diesmal höre ich keine Reaktion. Ein Mann schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„I will have to ask you to come with me for a moment, we have to do a separate security check.”

„Ich kann Deutsch.” Erst als er redet, merke ich, dass sein Gesicht nicht so lang ist, wie ich zuerst dachte. Ich fasse in mein Gesicht und spüre die Stoppeln, die langsam wieder hervorkommen.

„Werden Sie sich wirklich sicherer fühlen?“ Er schaut in mein Gesicht. Es ist etwas anderes zu erkennen in seinen Augen, ich glaube nicht, dass das Hass ist. Sein weißes Gewand verschmilzt am unteren Ende seines Körpers mit dem weißen Boden. Es fällt mir schwer nicht zu glauben, er sei diesem Flughafen entsprungen, entwachsen und gehöre hierher, eine eigene Präsenz, Moos auf dem Waldboden, Salz im Meer.

„Rassist.“ Seine Stimme wird lauter. Die Passagiere eins bis, ich glaube, elf hinter ihm schauen zu uns her.

Wenn mein Kragen nicht so eng wäre, hätte sein Blick mich vielleicht schon durchdrungen. Vielleicht müssen wir die Krawatte deshalb so eng tragen. Noch fünf Minuten und ich kann atmen, raus.

Ich sage bitte. Hört er mich? Die Krawatte, sie ist zu eng. Er sagt noch etwas, doch ich verstehe ihn nicht richtig. Ich zeige auf den Bildschirm über uns. Siehst du? Siehst du die rote Krawatte mein Moos, mein Salz, mein Freund. Die Luft wird knapp. Siehst du wie eng? „Sie müssen mitkommen.“

„Was ist damit? Das ist Kleidung, nichts weiter. Und der Bart wächst Ihnen auch! Das ist nur Stoff. Das sind nur Haare. Ich habe eine Haut genau wie Sie auch!“

Wenn er nur wüsste wie eng diese Krawatte ist. Ich schaue auf den Bildschirm. Wie Feuer im Wald und Bäume auf dem Wasser, ich sehe mich.

Das sieht man doch auf dem Bildschirm, dass ich keine Luft bekomme. Schau doch auf den Bildschirm.

Siehst du nicht?

Eng, viel zu eng.

Was siehst du?

 

Sadri Okumuş

 

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