Die Fehler der Anderen

„Das Leben ist hart“, sagte er und verließ mich. Ich habe nicht das Gefühl, dies beurteilen zu können. Eigentlich hat jeder, der so etwas sagt, schon einen Kampf gewonnen, denn dieser Mensch war einmal das erste Spermium an der Eizelle. Meinem embryonalen Ich war das wohl nicht genug, denn ihm genügten acht Monate im Bauch meiner Mutter, damit sie mich im Winter in einem unbeheizten Krankenhaus auf die Welt bringen konnte. Die Ärzte meinten zu ihr, dass sie mich schon sehr bald mit nach Hause nehmen sollte, anscheinen sollte es bei mir immer sehr schnell gehen. Es wäre dann auch fast ganz schnell mit mir zu Ende gegangen, denn ich aß bzw. trank nicht und lief blau an. Das Leben hatte schon mit mir abgeschlossen, aber ich noch nicht mit ihm. Fortan war ich der Kleine und der Zerbrechliche. Einige Jahre später bekam ich Probleme beim Atmen und es rasselte unangenehm, doch es war lediglich eine Erinnerung daran, wie nah am Tod jedes Leben verläuft, mir half eine längere Reise an die Ostsee, um wieder richtig zu atmen.

„Du musst runterschalten“, raunzte er und mir rannen die Tränen an den Wangen herunter, nachdem ich stundenlang auf meinem kleinen Fahrrad gefahren war. Alle anderen saßen auf ihren großen Rädern und taten dies seit Jahren. Ich aber hatte mich viel zu spät getraut und verstand nicht, was es bedeutete, hoch oder runter zu schalten. Ich betätigte die Schaltung falsch und schluchzte vor mich hin, weil ich der Anweisung nicht folgen konnte und damit gestraft wurde, dass ich die Anderen von hinten sah. Ich hatte noch keine Ahnung davon, dass es unfair gewesen war, von mir das Gleiche zu verlangen, wie von den großen Menschen, die viel geübter und trainierter waren als ich. Dennoch kämpfte ich und irgendwann kam ich wieder zuhause an. Zuhause war eine kleine Wohnung, in der es ein Kinderzimmer für uns zwei Kinder gab.

„Mein Tag hat nur 24 Stunden“, raunte er. Mit so vielen Leuten müsste er diese Zeit teilen. Wir schwiegen. Wie hätten wir auch sagen können, dass wir weder die Zeit festgelegt, noch seine sozialen Kontakte erstellt hätten. Ich habe mich nie aufgelehnt und auch dieses Mal blieb ich ruhig und suchte bei mir die Schuld. Ich suchte sie immer wieder bei mir – meist schon bevor es überhaupt eine Schuld gab.

Ich frage mich manchmal, wer einem das bessere Vorbild ist, jener, dem man nacheifert oder jener, der man nicht sein möchte. Kein Mensch ist perfekt und auch wenn es sich so liest, so sind diese Beispiele keine Vorwürfe. Ich habe viel Liebe erfahren und verstehe mittlerweile, dass jeder Mensch in extremen Situationen eine Taktik hat, die für ihn funktioniert. Man kann dieses Verhalten dann auch nicht anhalten oder überspringen, man kann nur daran arbeiten. Ich weiß nicht, ob er es tat. Ich zumindest tat es: Ich arbeite daran, mich nicht als Schuldigen zu geißeln. Ich arbeite daran, in extremen Situationen ruhig zu agieren und meine Hilfe anzubieten. Aber auch ich scheitere. Und das ist wohl der Sinn dieser Zeilen: Zu verstehen, dass ich Fehler mache, es sind lediglich andere.

Ben Froehlich

 

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