Der Krieg

Mein Name ist Sadri, ich bin Muslim und ich liebe den Krieg.
Den Tod sogar, würde ich in Kauf nehmen für den Sieg,
für den Titel eines Märtyrers, ist es wert sowas.
Zu kämpfen in der Schlacht um zu testen aus was man gemacht ist,
selbst mit den letzten Resten meiner Kraft.

Ihr schaut mich schon mit strengen Blicken an,
denkt euch was labert dieser Mann,
bevor ihr urteilt ganz kurz halt!

Hat denn mein Gott jemals Befehl zum Angriffskrieg erteilt?
Erlaubt, dass man durch Kriege Familien und Völker zerteilt?
Dass man, auch wenn man bis zu den Knien im Blut steckt, in Mordslust verweilt?

Nein.

Vielleicht wurde das, wie viel anderes auch einfach missverstanden,
oder absichtlich umgedeutet – und unsereiner ist nur stillgestanden.

Jetzt töten sich die Menschen, die angeblich den gleichen Gott anbeten,
und die Angst schwindet gar nicht wegen Mordanschlägen.

Schiiten und Sunniten bekriegen sich, der Islam verzweigt in tausend Richtungen und Schulen, schaut denn niemand in die Schrift?
Denn dann würde man doch wissen, dass es keine Trennung gibt.

„And hold firmly to the rope of Allah all together and do not become divided!“ Al-Imran 103
“And do not be like the ones who become divided!” Al-Imran 105

 

 

Und das sind nur zwei von vielen und trotzdem gibt es sie, die Parteien,
die unsere Gemeinschaft zerteilen.

Der Krieg den ich liebe ist ein anderer, ein noblerer, ein wertvoller, ein…
alltäglicher.
Der Krieg den ich meine, macht den Alltag und die Morde überall ein winzig kleines bisschen erträglicher.

Ich meine nicht die Kriege von den Uyghuren in Ost-Türkistan oder den Widerstand Tschetscheniens,
nicht die Kriege in Turkmenistan, die Bombardierung Syriens oder den Krieg in Kolumbien,
auch nicht der Krieg in der Ukraine, ist der Krieg den ich hier meine,
der Krieg den ich jetzt beschreibe, den kämpft man für gewöhnlich ganz alleine.

Der Krieg mit mir selbst, der wütet und tobt,
mein Herz ein Schlachtfeld, das zu bersten droht.

Die Natur von uns Menschen, in unserem Kern das Gute,
der Wille, das zu tun was gut und gerecht ist, mit vollem Mute.

Der Krieg ist es, diese Beschaffenheit nicht zu verlieren,
die Einheit zu fühlen, in Frieden zu regieren,
sich selber vollends zu erobern und zu kontrollieren,
meine beschmutzte Seele sauber polieren,

Der Krieg ist uns allen bekannt.

Der Krieg den die Menschen führen, die alles verloren haben, außer ihren Kampfgeist.
Der Krieg, der das Leben bestimmt von Menschen, die man immer abweist,

von Menschen, die gerade ihre siebzehntausendzweihundertfünfzigste Niederlage kassiert haben und jetzt wieder aufstehen,
weil sie wissen, dass sie keine andere Wahl haben, deshalb willig sind es so lange zu versuchen, bis sie draufgehen.

Der Krieg der Menschen die beim Aufgang der Sonne sich hingeben und Reue zeigen,
die wieder den gleichen Fehler begangen haben und mit Hoffnung nochmal schwören, warten und schweigen.

Der Krieg der Kinder einmal mit Liebe in den Spiegel zu gucken,
selbst wenn die Anderen in der Klasse Dreck und Feuer spucken,

und sagen du bist zu fett, zu dünn, zu groß, zu klein, zu schwarz, zu weiß,
der Menschen die ihr fehlendes Talent zu kompensieren wissen, mit harter Arbeit und mit Fleiß.

Das ist der Krieg unserer Eltern, die wie verrückt und unermüdlich geschuftet haben,
damit wir, ihre Kinder, es besser haben,
und was verändern können auf der Welt, ihre Flamme weitertragen.

In ihrem Garten fließen Flüsse aus Wein, Milch und Honig und wachsen rote Rosen,
diesen Krieg führen die Depressiven, die Ausgestoßenen und Aussichtslosen,
die Obdach- und die Arbeitslosen,

Der Krieg der Frau, gegen die unrealistischen Erwartungen unserer Gesellschaft, unserer Zeit,
wie heldenhaft und anmutig sie ist, wenn sie sich von ihren Fesseln befreit,
und sich nicht zwingt so zu sein,
wie auf Werbeplakaten
von Industrien, die von Natürlichkeit abraten.

Der Krieg, den wir gegen das führen, das in uns lügt, stiehlt und mordet,
das Richtige zu tun, auch wenn einem das Umfeld was anderes verordnet.

Berge zu erklimmen und darüber nichts zu erzählen,
jedem vom Schlechten abzuraten und das Gute zu empfehlen.

Standhaft und angriffslustig den Grauen des Alltags die Stirn zu bieten auch wenn sich die Ängste und Schwächen vor einen türmen wie Ungeheuer,
höher und höher,

zu rufen Ich bin der Sturm!
Die Ängste sind groß, doch mein Gott ist größer.

 

Sadri Okumuş

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