Lehrmeisterin

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie alt sie war, aber den Reiseführer für San Francisco, den sie mir geschenkt hatte, war von 1976, aus ihrem anderen Leben, wie sie es so gern nannte. Damals rauchte sie Joints, aber mittlerweile trank sie lieber Rotwein und meine innere Frage, ob sie so ganz vom Gras abgekommen sei, beantworte ich mit meinem ausgezeichneten Riecher, der nach Jahren der Nachbarschaft längst hätte anschlagen müssen. Ich kann sie mir gut vorstellen, wie sie in ihren Zwanzigern unter den Hippies in Amerika lebte, ich hätte es gern miterlebt.

Sie trug eine Zeit lang Perücken, um ihr lichter werdendes Haar zu verstecken und auch ihre Haut zeigte die Zeichen der Zeit. Ein gewisses Maß an Eitelkeit darf man sich schon zugestehen, aber an jenem herrlich warmen Nachmittag auf ihrem Balkon verzichtete sie auf die künstliche Haarpracht. Sie hatte sie abgelegt, so wie sie jeden Sommer in Kroatien all ihre Klamotten ablegte, wenn sie baden ging. Dort störten sich die Menschen nicht an der Nacktheit oder sprachen sie nur der Jugend zu. Bei uns darf man ab einem gewissen Alter nicht mehr nackt sein. Womöglich weil wir Nacktheit mit Erotik gleichsetzen und die gehört nach unserem Verständnis erst recht nicht ins Alter, so scheint es mir.

Meine Nachbarin dachte darüber nicht nach. Sie genoss ihren Urlaub in Kroatien, so wie die Zeit auf dem Balkon mit dem Rotwein, der ausgezeichnet schmeckte. Sie schenkte mir die erste Flasche davon, nachdem ich die Kisten zu ihr nach oben geschleppt hatte. Ein viel zu hoher Preis für eine selbstverständliche Tat, fand ich. Aus ihrer Sicht aber lässt es sich nur derart gut leben und sie sah es nicht als Opfer an, solch ein Geschenk geben zu dürfen. Ihr größtes Geschenk war allerdings ihre Weisheit, die sie mir vollkommen frei zugestand.

Ich erzählte ihr von dem Mädchen, das mit meinem besten Freund zusammen gewesen war und mit mir eine Affäre einging. Oder von meinem Studium, welches irgendwie vor sich hinplätscherte und immer mehr zu scheitern drohte. Oder meine Angst vor meiner Familie und offen mit ihr zu kommunizieren. Kein noch so schweres Problem aus meinem Leben fand nicht eine hilfreiche Antwort von ihr und noch viel wichtiger: Keine meiner Handlungen wurde jemals von ihr be- oder verurteilt. Sie hörte zu, antwortete, erzählte und konnte angenehm schweigen.

Unbezahlbar war sie in meinem Leben. Sie, die doch schon so alt war und in einem Heim hätte leben sollen. Sie, die sich nicht mehr nackt in die Sonne legen sollte. Sie, die eines Tages gestorben war. Zufrieden und glücklich war sie gewesen. Und meine Lehrmeisterin.

Ben Froehlich

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