In Plastik verpackter Tod

Die Strecke fahre ich fast jeden Tag und so richtig gemütlich ist es nicht auf dem Fahrrad, denn ständig erwarte ich von einem Auto überholt zu werden, welches viel zu eng und viel zu schnell an mir vorbeikommen möchte. An diesem Morgen ist es anders. Es ist ein Freitagmorgen und es scheint, als hätte der Verkehr bereits Wochenende. Kein Mensch ist unterwegs und auf meinem Weg liegt lediglich eine Plastiktüte, zumindest sieht es aus der Entfernung so aus, wobei die tiefstehende Sonne mir ein klares Sehen erschwert.

Meine Aufmerksamkeit ist geweckt, denn erst neulich sah ich ganz in der Nähe auf einem Feldweg ein merkwürdig graues Gebilde. Ich war mir sicher, dass es ein Blitzer war und stellte dann voller Überraschung fest, dass hier jemand einen alten Fernseher und einen Reisekoffer abgeladen hatte, dabei ist die örtliche Mülldeponie, wo man beides kostenlos hätte ablegen können, keinen Kilometer entfernt. Schon komisch, wie so manches Objekt sich verändert und täuscht. Mir passiert so ein Sehfehler ein wenig häufiger, weil meine beiden Augen nicht synchron schauen und ich somit nicht dreidimensional sehen kann. Die Leute fragen mich immer, wie die Welt für mich aussieht. Ich weiß es nicht, ich kenne den Unterschied nicht. Für mich sehen Dinge nicht flach aus, aber ich habe keine Ahnung, wie die Welt wohl aussieht, wenn beiden Augen gleichzeitig schauen.

Auf meinem Fahrrad jedenfalls sieht an diesem Morgen dieser grauer, kleine Haufen aus, als ob da eine Einkaufstüte liegen würde. Sehr viel Zeit zum Erkennen bleibt mir gar nicht, denn ich fahre schnell. So schnell, dass ich von Autos gar nicht überholt werden müsste, wenn sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten würden. Der Reifen ist dünner als mein Daumen und so fest aufgepumpt, dass kaum etwas von ihm die Straße berührt. Besser könnte ich kaum fahren, doch umso schwerer ist es hart zu bremsen. Hier brauche ich nicht zu bremsen und sehe im Vorbeifahren, dass die graue Tüte nicht aus Plastik ist, sondern aus grauem, langem Haar. Es ist Fell und in der Mitte des Fells ist es blutrot. Mir wird schlecht und der bis hierhin schöne Tag verdunkelt sich. Ich versuche meinen Fokus von dem töten Körper zu lösen und allein meine Geschwindigkeit hilft mir dabei. Es könnte eine Katze sein oder viel wahrscheinlicher ein kleiner, süßer Hund. So einer, der immer zu lächeln scheint. Mein Fokus im Blick konnte ich abwenden, den meiner Gedanken nicht, er haftet auf dem grauen Etwas und mein Magen wird flau. Vor mir kommt die Kreuzung, nach der es den Berg hinaufgeht, hinter mir höre ich das Getöse eines LKWs, der mich wohl vorher noch überholen will und mich dann eiskalt abdrängen würde. In Gedanken daran ärgere ich mich darüber, doch statt mich zu überholen, wird er langsamer und bleibt hinter mir. Er wartet, bis ich über die Kreuzung gefahren bin und beschleunigt am Berg darauf schneller, als es mir möglich wäre. Ich bin ihm dankbar, denn er brachte mich nicht unnötig in Gefahr. Und was ich erst später bemerkte, er lenkte mich vom grauen Fell ab, bis mir auf der Arbeit die Kater begegnen.

Die zwei Kater blicken mich fragend an, wo ich jetzt herkomme, so wie jeden Morgen. Sie verstehen nicht, dass ich wegen der Arbeit hier bin und nicht wegen ihnen. Beide werde ich an diesem Tag streicheln und mich freuen, dass es ihnen gut geht. Das tote Fell jedoch, es lässt mich nachdenken, wie es um uns Menschen steht, die den Tod nicht mehr kennen. Die den Tod jeden Tag in bunten Plastikverpackungen vor sich haben. Plastikverpackungen bedruckt mit lebensfrohen Tieren. Und doch stellen wir die Verbindung zum geliebten Haustier nicht her.

Der Tod ist so weit entfernt, scheint es uns. Der Tod ist aber doch so nah.

Ben Froehlich

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