Der Gestank

Der Verzehr eines fettigen Burgers um diese Uhrzeit war eines der Dinge, die ich immer für unmöglich gehalten hatte. Zwar war mir das bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich so empfand, ich hatte nie bewusst und klar gedacht, dass es unmöglich ist, aber als ich den Mann mit der gelben Regenjacke und dem Kinnbart neben mir erblickte, erschien es mir als eine sehr unwahrscheinliche Handlung. Neben ihm stand sein altes, teilweise verrostetes Wagengestell mit ein paar Dutzend Exemplaren des Stuttgarter Wochenblattes und in seiner Hand triefte der Burger vor Fett.
Genau wie ich schien er wohl auf die nächste Bahn zu warten.
Er biss rein und ich sah wie ein Stück seiner Gurke runter auf den Bahnsteig fiel. Das Verlangen in mir meine Nase zu rümpfen und dem überwältigenden und lähmenden Ekel in mir Ausdruck zu verleihen war in diesem Augenblick so sehr gewachsen, dass nur meine Augenlider schwerer waren und mich davon abhielten.

Es war 5:50 Uhr und im Hauptbahnhof stank es. Es stank nach Bierflaschen und Schweiß, es lag jetzt schon dieser Stress in der Luft, die einen, oder mich, lethargisch und träge werden ließ, egal in welchem Gemütszustand. Mir stank es, noch 15 Minuten warten zu müssen. Der Mann mit Kinnbart wandte sich in meine Richtung. Ich wünschte er hätte nicht gelächelt. Mein Magen schien kurz davor zu revoltieren bei dem Anblick seines Antlitzes und für einen kurzen Moment fühlte ich mich schlecht, etwa als wäre ich selber schuld daran gewesen, wobei ich in diesem Augenblick ziemlich sicher war, dass das der Ekel sein musste. Er habe die Durchsage von eben nicht gehört. Wie auch, mit so viel Essen im Mund. Mit seiner freien Hand deutete er auf seine Ohren und zuckte mit den Schultern, durchbohrte mich mit einem ekelhaften Grinsen und einem fragenden Blick.
Ich murmelte, dass die U-Bahn Verspätung habe. „Sie können ihre Mahlzeit genießen, keine Sorge“, fügte ich hinzu, ohne zu ihm hinzuschauen. Ich glaubte gehört zu haben wie er daraufhin lachte, obschon ich keinen Grund dafür entdecken konnte. Weder hatte ich ihm geschmeichelt, noch einen Spaß gemacht.
Vielleicht sollte ich hoch und oben warten, vielleicht…
Meine Beine waren so schwach und müde von der Arbeit, dass sie schon bei dem Gedanken Treppen zu steigen anfingen zu protestieren.
Mein Glück aber, dass ich mich auf die Bank neben der Mülltonne gesetzt hatte. Ich warf meine alte Bäckertüte mit einem hart gewordenen Laugenbrötchen darin in die Richtung der Tonne, um meine Tasche von Müll zu befreien.
Daneben.

In der Bahn verfolgte mich dieser einengende Geruch noch weiter. Inzwischen bebten meine Nasenlöcher, scheinbar ein Urstrom, der nicht aufhörte zu fließen, verpestet mit den Gräueln und Fäulnissen unserer Erde. Selbst meine Nasenhaare fühlten sich versengt an.
Sie hätten einfach zu Hause bleiben sollen, diese Leute, in ihren stinkenden Häusern und mich in Ruhe und Frieden heimfahren lassen. Im Wagon lief ich einige Sitzgruppen weiter, bis ich sicher sein konnte, dass der fette Hamburger nicht in meiner Nähe sein würde.
Ein paar Haltestellen weiter stieg eine alte Frau ein, gewappnet mit einer Gehhilfe. Auch wie ich schien sie sich hier nicht wohl zu fühlen, auch wie ich verzog sie beim ersten Aufatmen ihr Gesicht.
Sie brach das Schweigen in der Bahn. Am Anfang verstand ich sie nicht. Nicht etwa weil sie etwas weiter weg von mir eingestiegen war, viel eher weil sie so schnell sprach. In ihrer Stimme befand sich eine Hast, so als würden die Worte in ihr verpuffen, wenn sie sie nicht loswerden würde, allmählich immer lauter. Ein paar Köpfe drehten sich schon um. Ich hatte Angst einzuschlafen. Es war schon einmal vorgekommen, dass ich im Schlaf meine Haltestelle verpasst hatte. Das Wort „Terrorist“ vernahm ich, und ich spürte förmlich wie sich eine Anspannung neben die mit Gestank und Menschen überfüllte Bahn zwängte. „Geh zurück!“ rief sie. „Ihr Terroristen vermiest unser Leben. Zurück, dreckiges Pack, zurück in euer Land!“ Sie rümpfte die Nase. Die Frau die sie anschrie, verstand sie gar nicht. Sie saß da und zupfte an ihrem Ärmel. Erst jetzt sah ich sie, und ihr grünes Kopftuch. Fast genau so laut wie die Gehhilfe antwortete sie auf einer Sprache, die, so schien es, weder ich noch irgendjemand anderes in der Bahn verstand. Das Kopftuch war aufgestanden und wollte die Gehhilfe zu einem Sitzplatz führen.
Meine Augenlider fielen zu, ich zwang sie wieder hoch. Umrisse wilder Gestikulation erschienen und verschwanden. Mir wurde schlecht. Laut diskutierten sie, immer lauter, und trotzdem hörte ich immer weniger. Der Gestank wurde zu viel. Selbst die Glasscheibe neben mir, der Sitz auf dem ich saß sonderten diesen betäubenden Gestank aus.
Ich brauche eine Dusche, dachte ich, als ich die Augen schloss, während es um mich herum wieder leiser, dann wieder laut und dann schließlich komplett still wurde, nie dringender hatte ich eine Dusche gebraucht.

Sadri Okumuş

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